Begegnung mit Hekate
04/08 copyright Karin Braun (KA-RIT)
Es war mal wieder eine dieser Nächte, wie ich sie in der letzten Zeit öfter erlebte. Ich fand keinen Schlaf. Wenn es mir endlich gelungen war, meinen Körper in die richtige Position zu legen, dann trieb mich eine Hitze Wallung wieder in die Senkrechte. War die vor rüber konnte ich mich kaum beruhigen so schnell ging mein Atem. Normalerweise kam ich dann früher oder später doch zum Schlafen und wachte morgens wie gerädert auf. Diesmal konnte ich mich drehen und wenden wie ich wollte, es wurde nichts, ich kam einfach nicht zur Ruhe. Also beschloss ich noch einen kurzen Spaziergang zu machen. Eine Runde durch den Park würde mich wieder runter bringen und die frische Luft mich müde machen. Ich zog mir warme Klamotten an und lief los. Dem Park in der Nähe meiner Wohnung schließt sich ein Schrebergarten Gebiet an und dem wiederum ein kleiner Wald mit schönen alten Bäumen. Hier war ich gerne nachts unterwegs und auf der kleinen Lichtung dort, hatte ich auch schon das eine oder andere Ritual gefeiert.
Ganz automatisch schlug ich auch diesmal die Richtung zu einem vertrauten Ort ein, mir war nach der Gesellschaft der Holunderbüsche zwischen Wald und Schrebergärten. Dort gibt es eine Kreuzung an der sich drei Wege treffen, einer gabelt sich nach links, der andere nach rechts und davor ist ein freies Feld. Wie gesagt, alles hier ist mir vertraut, sowohl am Tage als auch in der Nacht und doch war diesmal alles anders. Der erste Teil des Weges war wie immer, doch als ich den Weg der zur Kreuzung führt einschlug, stieg auf einmal Nebel auf, der schnell immer dichter wurde. Wie gesagt, der Weg war mir vertraut, aber dieses schnell dichter werdende Grau war mir unheimlich. Ich nahm all meinen Mut zusammen und ging weiter. Es wurde immer gruseliger, sonst hörte mensch hier die nahe Autobahn, auf der auch nachts reger Betrieb herrschte, doch alle vertrauten Geräusche schienen immer leiser zu werden und verstummten dann ganz. Ich fühlte mich wie von allem abgeschnitten. Das Herz schlug mir bis zum Hals, und ich beschloss um zu kehren, aber es ging nicht, etwas trieb ich voran.
Meiner Berechnung nach hätte ich schon lange bei den Holundersträuchern sein angekommen sein müssen, doch der Weg wurde länger und länger. Der Nebel wirbelte vor meinen Augen und Gestalten schienen sich darin zu bewegen. Zwanghaft setzte ich einen Fuß vor den anderen. Vor Wut traten mir Tränen in die Augen, so das ich konnte noch weniger sehen. Also kam es wie es kommen musste, ich stolperte über eine Baumwurzel und schlug hart auf den Boden auf. Fluchend und heulend rappelte ich mich hoch, als ich ein rauhes Lachen hörte. Ich blickte auf und sah in dem sich lichtenden Nebel eine alte Frau in einem schwarzen Umhang. Die Kapuze bedeckte ihr Haar und sie stützte sich schwer auf einen Stock der ihr bis zu den Schultern ging. Warum erschien sie mir alt, ich konnte doch ihr Gesicht nicht sehen? Bestenfalls erahnen. Den Stock schien sie nicht wirklich zu brauchen um sich aufrecht zu halten, jedenfalls nach der Geschwindigkeit zu urteilen, mit der sie auf mich zu kam. Sie packte mich am Arm, mit einem Griff wie eine Stahlklammer und zog mich auf die Füße. Dabei lachte sie die ganze Zeit und sagte: „So, so, du machst also einen kleinen Nachtspaziergang.“ Sie lockerte ihren Griff und zog mich mit sich. Plötzlich waren da die Wegkreuzung und die Holunderbüsche, davor der große Findling, auf dem ich im Sommer gerne saß. Auf den drückte sie mich jetzt und sah mir direkt ins Gesicht. Ihre Augen waren fast schwarz und dunkel, Wolken und Bilder schienen darin zu entstehen und ich sah mich selber darin, verletzt und heulend wie ein kleines Kind auf dem riesigen Stein sitzend und vor Angst zitternd. Das machte mich noch wütender, mich so zu sehen. Ich atmete tief durch und machte mich gerade, wütend wischte ich mir die Tränen aus dem Gesicht. Nun lächelte sie und sprach ein wenig sanfter weiter: „Na, steckt also doch noch ein wenig Mumm in deinen Knochen? Gut, ich dachte schon du wärst so ein Weichei, dass sich vor einer alten Frau im Nebel fürchtet.“
Ich räusperte mich, denn ich war sicher das meine Stimme mir sonst versagen würde, und antwortete: „Wenn ich glauben würde, dass du „nur“ eine alte Frau bist, dann würde ich mich nicht fürchten.“ Sie lachte so laut, dass sie sich schwer auf ihren Stock stützen musste um nicht vorn über zu fallen. Als sie wieder Luft bekam, fragte sie: „So, so, und wer meinst du bin ich?“ Ich sah sie an, die Kapuze die den größten Teil ihres Kopfes verdeckte und mein Blick wanderte zur Wegkreuzung. Plötzlich wusste ich wer sie war und flüsterte: „Hekate!“
Ihr spöttischer Gesichtsausdruck wurde milder: „Auf Anhieb richtig. Nicht schlecht, aber ich wäre auch beleidigt gewesen wenn du mich nicht erkannt hättest, nachdem du mich seit so langer Zeit anrufst wenn du Karten legst.“
Ich hatte immer noch Angst, aber nicht mehr so starke, sondern war eher ein überwältigt von ihrer Gegenwart: „Nun es heißt du bist die Göttin der Hexen und des Orakels, also rufe ich dich an und danke dir nach der Legung. Aber ich hatte eigentlich nicht erwartet dich hier zu treffen.“ Ich korrigierte mich: „Dich überhaupt einmal zu treffen. Ich dachte immer Götter und Göttinnen sind nichts als Symbole für eine bestimmte Energie.“ Sie grinste: „Das sind wir doch alle, ob Menschen oder GöttInnen. Wir sind alle Energien die sich zusammenfügen wieder auflösen und neu sortieren. Nichts ist jemals gleich und alles ist ständig in Bewegung.“
Ich versuchte immer noch klar zu kriegen, wieso ich hier auf der Wegkreuzung mit einer Göttin stand, mitten in der Nacht und einen Plausch hielt, als sie mich ein wenig auf dem Stein zur Seite schob und sich neben mich setzte: „Du konntest also nicht schlafen.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Bevor ich antworten konnte, sprach sie weiter: „Das konntest du früher auch oft nicht, und da hat es dir nichts ausgemacht! Warum auf einmal?“ Ich schluckte. Sie hatte recht, früher fand ich schlaflose Nächte sogar schön und nutzte die Stille der Nacht zum Malen oder Schreiben, oder eben zum Spazieren Gehen. Aber in letzter Zeit blieb ich stur liegen und versuchte den Schlaf zu zwingen.
Ihr Blick ruhte erwartungsvoll auf mir: Also wieso auf einmal so ein Gewese um eine schlaflose Nacht?“
Ich sah auf meine Finger und versuchte meine Gedanken in einer verständlichen Form zu äußern: „Nun ja...... ach ich weiß nicht....... Früher“ Sie lachte: „He, du sprichst mit einer Göttin, also lass dieses Rumgestammel, sag klar was dich bedrückt. Natürlich weißt du, also los.“
Ich nahm einen neuen Anlauf und plötzlich sprudelte es aus mir heraus: „Es ist diese Menopause. Nichts dagegen älter zu werden, nichts dagegen keine Mens mehr zu haben, nichts dagegen graue Haare zu kriegen. Das ist alles ok, aber diese Hitze Wallungen und die Stimmung Schwankungen machen mich wahnsinnig. Ich traue mir selber nicht mehr. In einem Moment bin ich glücklich und zufrieden und im nächsten ist alles schwarz und grau. Dann sehe ich das ich nicht mehr viel Zeit habe, und die Angst nicht alles zu schaffen wird größer. Nachts kann ich nicht schlafen und dann kommen meine Gedanken nicht zur Ruhe, wie in einem Karrusell geht das. Das macht mich fertig.“
Sie nickte und legte ihren Arm um meine Schultern. Einen Augenblick ließ ich meinen Kopf gegen sie sinken und sie wiegte mich sanft.
Dann sprach sie: „Du weißt wer ich bin und du kennst meine Botschaft. Du hast sie oft anderen übermittelt. Ich bin die Herrin der Wegkreuzungen. Wenn du mir begegnest musst du dich entscheiden. Wir haben uns oft getroffen und du warst immer eine die ich besonders erfrischend fand, weil du immer und sofort mit beiden Füßen ins Unbekannte gesprungen bist, auch wenn du wusstest das der Aufprall hart sein könnte. Und nun irritieren dich ein paar Hitzewallungen und dir wird deine Vergänglichkeit bewusst?“ Sie schüttelte den Kopf und fuhr fort: „Um die hast du immer gewusst. Du hast oft bei Sterbenden gesessen. Genauso oft hast du bei Gebärenden Beistand geleistet. Du weißt um den Kreislauf, und das alles sich verändern muss. Du weißt das du nicht stehen bleiben kannst.“
„Ja, sicher weiß ich das,“ zumindest theoretisch, räumte ich ein, „aber auf einmal ist es so nah. Wieviele Jahre habe ich noch? Ich habe so lange gebraucht um glücklich zu werden und dachte nun kann ich mich einfach daran freuen. Doch im Moment scheint mir die Welt immer grausamer und bin wütend weil ich so wenig tun kann, und ehrlich gesagt auch keine Lust mehr habe zu kämpfen.“
Nun ging ihr grinsen übers Ganze Gesicht: „Ach Mädchen, was redest du für einen Blödsinn. Du bist im Moment irritiert, weil du nicht mehr durch einen Schleier auf die Dinge siehst. Du bist dabei eine Alte zu werden und die Alten sehen was ist, nicht mehr und nicht weniger. Ohne Zuckerguss. Sie erleben das Schöne intensiver, aber auch das Hässliche. Im Moment lernst du gerade auf diese Art zu sehen, darum beutelt es dich so. Darum meidest du es in der Nacht wach zu sein, weil da deine Gedanken nicht abgelenkt werden können. Du hast Angst in die Traumzeit zu gehen, weil du du meinst das du bald lange genug da sein wirst.“ Sie drückte mich an sich: „Ach Kind, du hast noch einige Zeit in dieser Welt. Du wirst noch vieles tun und erleben und du wirst bald erkennen welche Macht das klar sehen und benennen ist. Du wirst erkennen und aussprechen was die anderen nur ahnen. Das ist eine enorme Macht, die weise gebraucht werden will. Und sei nicht sauer über die eine oder andere Hitzewallung. Die schicke ich dir, damit du nicht vergisst wie viel Feuer noch in dir ist und das du mehr denn je fähig bist deine Schlachten zu schlagen.“
Sie stand auf und auf zog mich mit sich mitten auf die Kreuzung und umarmte mich kurz. Dann richtete sie sich auf und sah mir tief in die Augen: „Also, welchen Weg wählst du? Wenn du dich entschieden hast, dann gehe ihn ohne dich umzusehen. Wir haben alles besprochen.“ Sie hob ihre Hand als ich etwas sagen wollte: „Nichts mehr weiter! Jetzt ist die Zeit der Entscheidung, wenn du später noch was wissen willst, komme hier her und setze dich auf den Stein, die Holunderin wird dir weiterhelfen, aber jetzt sage mir wo dein Weg hingehen soll. Rechts, links oder ins Unbekannte?“ Jetzt musste ich lachen: „Habe ich mich jemals anders entschieden?“ Fragte ich und sprang auf das Feld vor mir. Während sich die Welt veränderte hörte ich noch ihr Lachen. Als es verklungen war, dämmerte der Morgen und ich befand mich auf dem Weg an der Stelle an der der Nebel mich überrascht hatte. Ich ging nach Hause ohne mich umzusehen und schlief tief bis in den Morgen hinein.